Tethlis Herz war mit eiskaltem Hass auf die Naggarothi erfüllt, denn sie hatten auf einem ihrer Raubzüge seine Familie ermordet. Die Dunkelelfen hatten niemals einen unerbittlicheren Feind besessen. Er kämpfte nicht des Ruhmes oder der Ehre wegen, sondern um der Bedrohung aus Naggaroth ein für allemal ein Ende zu setzen. Der Hexenkönig hatte diesen Krieg begonnen. Tethlis war entschlossen ihn zu beenden. Das wäre ihm vielleicht sogar gelungen, wenn nicht die Macht der Drachen geschwunden wäre.
Bereits gegen Ende von Caradryels Herrschaft waren die Drachen selten geworden. Viele von ihnen verfielen in einen stets länger währenden Schlaf und erwachten daraus schließlich nur noch etwa einmal pro Jahrhundert. Die Elfen waren daher gezwungen, ihre Stärke in anderen Bereichen zu steigern, um den Verlust ihrer gewaltigen Macht und rohen Kraft auszugleichen.
Die ersten Jahre von Tethlis’ Regierungszeit waren der Aufstellung neuer Armeen gewidmet. Von jeder Elfenstadt wurde verlangt, einen Truppenübungsplatz einzurichten, wo ihre Soldaten ausgebildet werden konnten. Systematisch und mit genauer Sorgfalt baute Tethlis die Hochelfenstreitkräfte zu einer Kampfstärke auf, die sie seit Aenarions Zeiten nicht mehr gekannt hatten. Niemals schickte er eine Armee in die Schlacht, ohne sich zuvor vergewissert zu haben, dass er eine Übermacht ins Feld führte. Niemals trug er eine Schlacht aus, ohne sicher zu sein, dass er sie auch gewinnen würde.
Durch einen Zermürbungskrieg blutete er die Dunkelelfen systematisch aus. Eine Folge von gewaltigen Offensiven drängte sie im Laufe der Jahrhunderte über die Schattenlande zurück und gipfelte schließlich in der Erstürmung von Anlec. Tethlis war äußerst kaltblütig und unbarmherzig, sogar für einen Elfen. Er gab den Befehl, die ganze Stadt zu schleifen und dem Erdboden gleichzumachen. Er nahm keine Gefangenen. Anlecs Äcker wurden vergiftet. Die Elfen waren zwar entsetzt über diese Grausamkeiten, gehorchten ihm jedoch. Kein einziger Dunkelelf in Ulthuan blieb am Leben.
Nachdem er Ulthuan gesäubert hatte, wandte sich Tethlis der Insel des Unheils zu, die sich immer noch in den Händen des Hexenkönigs befand. Die größte Elfenarmada aller Zeiten wurde aufgeboten, um die Insel zurückzuerobern. Tausende von Schiffen trugen zehntausende Krieger aufs Meer. Elfenmagier sprachen Wetterzauber aus und hielten den Himmel frei von Stürmen. Nach und nach wurden die Gewässer von den Schiffen der Naggarothi gesäubert. An den Ufern der Insel des Unheils sammelten sich die Herscharen der Dunkelelfen, um den Hochelfen jedes Fußfassen an der Küste zu verwehren.
Die Elfen landeten an, und so begann die Schlacht der Wogen. Tausende Hochelfen wurden von Armbrustsalven niedergestreckt, als sie ans Ufer wateten. Von den Schiffen schossen Speerschleudern zurück und schickten dichte Pfeilschauer in die Reihen der Naggarothi. Die Brandungswellen färbten sich rot mit Blut. Vom Hass überwältigt, stürmten die Dunkelelfen ins Wasser, und es entbrannte ein erbitterter Nahkampf. Beide Seiten kämpften ohne Gnade, und scharlachrotes Wasser umspülte ihre Füße. Das Gedränge bot keinen Raum für gewandte Fechtkunst mehr, die Krieger droschen nur noch mit aller Gewalt aufeinander ein. Verwundete wurden umgerannt und ertranken in den seichten Fluten. Zoll um blutigen Zoll kämpften sich die Hochelfen ihren Weg den Strand hinauf.
Von den Klippen schickten die Dunkelelfen einen Feuerhagel herab. Mit gewohnter Kaltblütigkeit hatte Tethlis dies vorausgesehen. Während an den Stränden noch gekämpft wurde, war eine zweite Abteilung der Hochelfen etliche Meilen entfernt an Land gegangen. Kavallerie der Silbehelme galoppierte das Ufer entlang und fiel über die Feinde auf den Steilklippen her. In der anschließenden furchtbaren Schlacht wurden viele Dunkelelfen vom Klippenrand gestürzt und schrieen vor Hass und Todesangst, bevor ihre Körper auf den Felsen in der Tiefe zerschmettert wurden.
Die Elfen besaßen nun einen sicheren Brückenkopf, um auch den Rest ihrer Armee an Land zu bringen. Rasch überrannten sie die ganze Insel und trieben ihre finsteren Verwandten ins Meer. Das Gemetzel war grauenhaft. Zehntausende Dunkelelfen wurden hingeschlachtet, bis sich schließlich sogar den abgehärteten Elfenhauptleuten der Magen umdrehte. Sie befürchteten, dass ihre Truppen Geschmack an solchen Gemetzel finden und somit kaum besser als jene werden könnten, die sie bekämpften.
Ein Großteil der Elfenoffiziere sprach sich dagegen aus, den Krieg nach Naggaroth selbst zu tragen. Sie erklärten, dass die Elfen ihr Ziel erreicht hätten und dass die Verluste zu hoch gewesen seien, um Fortzufahren. Tethlis bestand darauf, dass die Elfen weitermarschierten, aber zuvor wollte er eine Pilgerfahrt zum Altar des Khaine unternehmen, von einem unwiderstehlichen Einfluss angelockt.
Auf der Ebene der Knochen, dem weiten, Knochenübersäten Ödland rings um den Altar des Khaine, sah Tethlis etwas glänzen. Von diesem Licht eigenartig angezogen, grub er die Drachenrüstung von Aenarion frei. Vom Skelett Aenarions oder Indraugnirs war jedoch keine Spur zu finden. Tethlis schenkte die Rüstung Auaralion, dem Urenkel von Morelion, Aenarions Sohn mit Astarielle. Dies war zugleich seine letzte Amtshandlung als Phönixkönig.
Es gibt zwei Überlieferungen darüber, was als nächstes geschah. Einige berichteten, dass er die Weißen Löwen zusammen mit dem Rest seiner Gefolgschaft fort schickte. Er habe erklärt, er wolle einen Augenblick der Besinnung alleine bei der Klinge verbringen, die seinem Volk soviel Leid zugefügt hatte. Man sagt, ein Meuchelmörder der Dunkelelfen sei dann aus seinem Versteck unter den Knochenhaufen hervor gekrochen und habe Tethlis mit einer vergifteten Klinge erdolcht. Andere behaupteten, dass Tethlis Khaines Schwert ergriffen habe, dass es sich in seiner Faust gewunden und angefangen habe, aus seinem steinernen Gefängnis Herhauszugleiten. Der König sei jedoch im letzten Augenblick von seiner eigenen Leibwache erschlagen worden, welche die schrecklichen Folgen gefürchtet hatte, wenn Aenarions unheilvolle Waffe ein zweites Mal auf die Welt losgelassen worden wäre.
Niemand weiß mit Bestimmtheit, was damals geschah und die Gelehrten sind sich noch heute uneins. Man weiß nur, dass Tethlis an diesem Tage starb, und dass die Elfenarmada mangels seiner anspornenden Gegenwart Naggaroth wieder den Rücken zukehrte.
VII) Der Gelehrtenkönig
Bel – Korhadris, 1 – 1189 (Imperiale Zeit -690 bis +49
Da ihr Volk des langen und blutigen Krieges müde war, wählten die Elfenprinzen der Sechsten Ratsversammlung Bel – Korhadris von Saphery zum Phönixkönig. Dies erwies sich als weise und glückliche Entscheidung, denn Bel – Korhadris Herrschaft währte letztlich am zweitlängsten aller Phönixkönige. Er war ein Zauberprinz und ein berühmter Gelehrter. Obgleich er die Verteidigung des Reiches nie vernachlässigte, war er kein Freund des Kampfes. Er glaubte vielmehr, dass Ulthuan vor allem durch Magie beschirmt werden sollte.
So begann das große Zeitalter der Elfengelehrten. In dieser Epoche wurde der Weiße Turm von Hoeth an einer von Geomantikern sorgfältig ausgesuchten, Glück verheißenden Stelle errichtet. Mehr als eintausend Jahre lang wuchs die gewaltige Konstruktion Stockwerk um Stockwerk bis in die Wolken empor. Nur durch Zauberkraft war es den Elfen möglich, einen derart hohen Turm zu errichten. Zahllose Steinmetze arbeiteten fast ein Jahrtausend lang an kunstvollem Zierrat und Schmuckwerk. Unzählige Gelehrte trugen derweil Weisheit und Wissen aus allen vier Ecken der Welt zusammen. Magier schrieben die mächtigsten und wirkungsvollsten Zaubersprüche der Welt zusammen. Magier schrieben die mächtigsten und wirkungsvollsten Zaubersprüche der Welt in Grimoiren nieder und bewahrten sie in den Bibliotheksschreinen im Turm. Ringsum wurde er mit einem dichten Netz aus Illusions- und Schutzzaubern umgeben, um diese wertvollen Wissensschätze zu behüten.
Der Gelehrtenkönig begründete in Hoeth den Orden der Lehrmeister. Hier wird seither jede denkbare Wissenschaft gelehrt und erforscht, von der Kriegsführung übe Zauberei bis zur Astronomie und Astromantik. Es war auch in dieser Zeit, dass die ersten Schwertmeister von Hoeth sich hier zusammenfanden, um die hohe Kunst des Schwertkampfes zu erlernen und den Turm zu beschützen. Aus diesen wissbegierigen Kriegern entstand schließlich die heutige, den ganzen Kontinent durchwandernde Bruderschaft von Meisterkämpfern, die für den Hohen Lehrmeister des Turmes Informationen sammeln und Aufträge ausführen.
Viele berühmte Gelehrte und Zauberer versammelten sich in Hoeth. Der Umfang des hierbei ausgetauschten Wissens übertraf jedes zuvor und seither bekannte Maß. Im Schatten des imposanten Turmes diskutierten Tausende der weisesten Philosophen über die Wissenschaften. In der Bibliothek begann derweil ein Stab von Lehrmeistern mit der Niederschrift des Buches der Tage. Diese umfassende Geschichte des Elfenvolkes sollte bald die Grundlage aller späteren Geschichtsschreibung werden.
Dieser Ära ist weiterhin bemerkenswert als eine Periode des beinahe ungebrochenen Friedens auf Ulthuan. Die Dunkelelfen von Naggaroth waren von Tethlis furchtbarem Ansturm so stark geschwächt worden, dass sie nun eine Tiefsitzende Furcht davor hatten, das Hochelfenreich zu überfallen. Bel – Korhadris regierte weise und gut und wurde von allen geliebt. Die Elfen erinnern sich seiner Herrschaft gerne als den Beginn eines zweiten goldenen Zeitalters.
Bel – Korhadris starb unmittelbar nach der Fertigstellung des Weißen Turmes, und wurde inmitten seiner Grundmauern zur ewigen Ruhe gebettet. Es wird behauptet, dass sein Geist noch heute durch die Gewölbe unter dem Turm schwebt und manchmal wissbegierigen Gelehrten bei ihren Forschungen hilft.
VIII) Der Dichter
Aethis, 1 – 622 (Imperiale Zeit 498 bis 1120)
Auf Bel – Korhadris folgte Aethis von Saphery. Er war der erste Phönixkönig, der nicht ein vom Untergang bedrohtes Königreich erbte oder den Thron in den Nachwehen eines Krieges bestieg. Auch während seiner Herrschaftszeit hielt der lange Frieden an. Die Dunkelelfen blieben in Naggaroth. Sie hatten seit geraumer Zeit ihre Raubzüge eingestellt. Viele vermuteten daher bereits, dass sie ein aussterbendes Volk wären. Zugleich mehrten sich die Gerüchte, dass der Hexenkönig endlich gestorben sei. Auch die Zwerge waren zufrieden damit, in Ruhe gelassen zu werden. Während der ersten Jahrhunderte von Aethis’ Herrschaft drang zwar die Nachricht über die Gründung eines neuen Imperiums der Menschen nach Ulthuan, aber das schien kein Anlass zur Besorgnis zu sein. Gegenwärtig drohte den Elfen von keiner Seite Gefahr.
Aethis war ein berühmter Dichter und Sänger. Er rief alle großen Künstler Ulthuans an seinen Hof in Saphery zusammen. Dichter, Schauspiele, Male, Bildhauer und Maskenspielautoren fanden in seinem weitläufigen Palast aus geschnitzter Jade willkommene Aufnahme. Es war die höchste Blütezeit der Elfenkultur, in der auch die Mehrzahl ihrer großartigen Kunstwerke geschaffen wurde. Es war die Zeit, in der erstmals die Schöpfungsdramen von Tazelle aufgeführt wurden und Torion Feuerherz seine animierten Hofporträts erfand. Ein Heer von Bildhauern und Künstlern verschönerte sogar die Berge von Chrace. Über dem Greifentor ragte seitdem ein riesenhafter, eineinhalb Kilometer hoher Greif in den Himmel, der sich vom Beg unmittelbar in die Luft emporzuschwingen scheint. Dieses imposante Kunstwerk eines genialen Bildhauers wirkte so lebensecht, dass sich bald eine Legende entspann. Demnach wird der Greif in Zeiten der Not zum Leben erwachen, um den Pass gegen jeden Eindringling zu verteidigen.
Unermessliche Reichtümer wurden für solche Prunkbauten aufgewendet. Die Stadt Lothern schwoll von einem kleinen Fischerdorf zu einer riesigen Metropole an, um den stetig zunehmenden Handelsverkehr mit den Kolonien und anderen Reichen zu bewältigen. Es wurden diplomatische Beziehungen mit dem alten Reich der Menschen in Cathay aufgenommen. Vertreter des Phönixkönigs gelangten an den Hof des Kaisers von Cathay und Seide, Jade und Gewürze waren bald geschätzte Alltagswaren.
Im festen Glauben an ihre Stärke fingen die Elfen schließlich an, ihre Heere und Flotten zu verkleinern. Nach beinahe fünfzehnhundert Jahren relativen Friedens unter Bel – Korhadris und Aethis begannen die Erinnerungen an alte Kriege und alten Feindschaften zu verblassen. Es wurden sogar Versuche unternommen, die Zwerge auf dem Verhandlungswege zur Rückgabe der Phönixkrone zu bewegen. Diese Ansinnen wurden zwar alle abgelehnt, doch die Elfen fühlten sich diesmal nicht beleidigt.
Eine satte Selbstgefälligkeit machte sich bereit. Bei Hofe schossen die unterschiedlichsten Machtgruppen wie Pilze aus dem Boden. Das Intrigenspiel, schon immer ein beliebter, aber gefährlicher Zeitvertreib der Elfen, wurde für viele Höflinge zum alleinigen Lebenszweck. Seltsamerweise war dies jedoch auch die Zeit, in der sich die Elfen gewahr wurden, dass sie ein sterbendes Volk waren. Denn selbst in den langen, goldenen Tagen des Friedens war die Bevölkerung unaufhaltsam geschrumpft. Die Zahl der Geburten hatte schlicht abgenommen, und die großen Städte begannen sich zunehmend zu leeren.
Abermals breitete sich der Kult der Sinnesfreuden aus, dieses Mal jedoch völlig im Geheimen, was ihn für die übersättigten Aristokraten der Elfen nur noch verlockender machte. Nach einiger Zeit leiteten die Schwertmeister von Hoeth eine Untersuchung des Kults ein und meldete ihre Ergebnisse an den Weißen Turm zurück. Ihre Enthüllungen beunruhigten den Hohen Lehrmeister ausreichend, um sie dem Phönixkönig vorzutragen. Dabei wurde der Hofkanzler als geheimer Spion für Naggaroth entlarvt. Als er öffentlich enttarnt wurde, trieb er einen vergifteten Dolch in Aethis’ Herz. Auf diese Weise starb der achte Phönixkönig durch die Hand eines Freundes, dem er völlig vertraut hatte.
IX) Der Leidgeprüfte
Morvael, 1 – 381 (Imperial Zeit 1121 bis 1502)
Der Achte Prinzenrat von Ulthuan bestimmte Morvael von Yvresse zum Nachfolger des ermordeten Phönixkönig. Er war unter Aethis der Hohe Lehrmeister des Weißen Turms gewesen. In der abstrakten Theorie der Kriegsführung war er daher hevorragend bewandert, besaß allerdings kaum nennenswerte praktische Kampferfahrung. Seine erste Amtshandlung nach der Krönung bestand im Befehl einer Strafexpedition gegen Naggaroth, um den heimtückischen Meuchelmord an Aethis zu rächen. Eine Elfenflotte wurde in den kalten Norden ausgeschickt und dort von den Dunkelelfen mit Leichtigkeit aufgerieben.
Als die wenigen Überlebenden die Botschaft dieses Fiaskos nach Ulthuan zurücktrugen, breitete sich Furcht und Panik unter den Hochelfen aus. Eine Niederlage war das Letzte, was sie erwartet hatten. Sie hatten geglaubt, die Bedrohung durch Naggaroth sei praktisch erloschen. Nun schien es, als ob die Dunkelelfen die Zeit gut genutzt hatten, um erneut ihre Kräfte zu sammeln. Indem sie zugelassen hatten, dass Bel – Korhadris und Aethis die Stärke ihrer Flotten und Heere abbauten, hatten es die Elfen Ulthuans ihren finsteren Verwandten ermöglicht, militärisch wieder aufzuholen und Ulthuans Macht fast zu überflügeln.