Verzweiflung
Prolog
Das Kreischen der Aaskrähen schallt durch die bitterkalte Winterluft des Gebirges. Die leblosen Körper, die weit über die Landschaft verteilt sind haben sie angezogen. Es ist die Vorhut eines schauerlichen Festmahls, welches Grumnir im Laufe seines langen Lebens zu oft für seinen Seelenfrieden mit ansehen musste. Graue Wolken bilden ein undurchdringliches Dach, welches die Welt unter sich zu ersticken droht und der Schein des Feuers scheint nach wenigen Schritten von der erdrückenden Atmosphäre geschluckt zu werden.
Sein gesundes Auge richtet sich gen Himmel, um den Anflug der Krähen zu beobachten. Ein tiefer Seufzer entfährt seinen bärtigen Lippen, und er bewegt sich schweren Schrittes auf einen dem Feuer nahe liegenden Stein zu. Mit schweren, müden Bewegungen entledigt er sich seiner Rüstung, greift in seinen Wams und holt Pfeife und Tabakbeutel hervor, stopft sie und nutzt einen Funken des Feuers um sie zu entzünden.
Abschnitt 1
"Wofür das alles? Für die Ehre der Zwerge? Für den lange gehegten Groll gegen die Grünhäute? Oder gibt es überhaupt einen tieferen Sinn in diesem Pandemonium der Raserei?" Nachdenklich klopft Grumnir seine Pfeife auf dem Stein aus, verstaut die Pfeife und greift nach seinem Brustpanzer. "Nach Jahrzehnten des Krieges ist es zu einer zweiten Haut geworden", denkt der Alte melancholisch. "Ach was, zweite. Meine erste müsste es sein, wenn ich ehrlich bin." Er greift seine schwere Axt und den runenverzierten Schild, um einen letzten Gang über das Schlachtfeld zu machen.
Als er sich seinen Gang durch die Leichen von Verbündeten und Feinden gleichermaßen bahnt, und in die leichenblassen, zerstümmelten Gesichter seiner Sippe starren muss, übermannt ihn tiefste Erschöpfung. "Kein Ziel, keine Vorstellung von Ehre, Ruhm oder Gerechtigkeit kann das hier aufwiegen", denkt er sich. Er wendet sich ab. Äusserlich wendet er sich ab vom Schlachtfeld, innerlich jedoch von allem was ihm lieb und teuer ist. Er kann nicht zurück in seinen Hort. Alles Positive birgt nur die Gefahr, es zu verlieren. "Nein", denkt sich der alte Zwerg, und sein Funkeln tritt in sein unversehrtes Auge. "Wenn ich schon alles verlieren muss, dann möchte ich es durch meine eigene Hand erleben. Ich werde nicht da sitzen, und mich vom Schicksal überrollen lassen. Ich werde mich ihm stellen, mich mit ihm messen und wir werden gemeinsam untergehen."
Ein gewaltiger Aufschrei lässt den Krähenschwarm aufsteigen wie eine schwarze Gewitterwolke. Die donnernde Stimme die über die Landschaft rollt, weckt sogar das Land aus seinem Jahrhunderte langen Schlaf.
"Hörst du mich Schicksal? Hier bin ich, der letzte Zwerg meiner Sippe! Alles hast du mir genommen! Aber eines wirst du mir nicht nehmen. Fortan soll der Name Grumnir Sigurdson für alle Zeiten vergessen sein! Du wirst den Namen meiner Liebsten nicht aus meinen toten Händen nehmen! Den Namen, den du eines Tages auf dem Schlachtfeld bekommen wirst, wird Grumnir Weltenbrecher sein! Wenn du die Welt für mich zerbrichst, werde ich sie zuerst zerbrechen! Und du wirst ihn unter Bergen von Grünhäuten suchen müssen! Wenn du mir alles nimmst, wirst du nichts mehr bekommen. Hörst du? Nichts!"
Der Klang seines letzten Schreis voller Verzweiflung und Trauer hallt noch lange von den Flanken der kahlen Berge wider. Lange Zeit steht er da, wie zu Stein erstarrt. Aus seinem tiefen, persönlichen Abgrund fällt Grumnir Weltenbrechers Blick auf ein Stück Stoff, dessen Zipfel unter einem Berg von Orks herausschaut. Er hievt einige der Scheusale zur Seite, und zum Vorschein kommt das Banner der Silberschwingen. Einige Orks später kann er auch den Bannerträger der Gemeinschaft entdecken. Sein Körper ist übersät von Wunden, und sein Schwert ist von oben bis unten mit Blut bedeckt. Die toten Feinde scheinen auf sein Konto zu gehen. Den alten Grumnir hätte die ruhmreiche Tat des Bannerträgers bewegt. Der Weltenbrecher hingegen nimmt den Siegelring des Bannerträgers an sich, schneidet die Flagge von der Standarte und wickelt sie in seinen Rucksack. Wenn er sich schon auf den Weg macht, sein Schicksal zu suchen, könnte er ja auf dem Weg das Stück Stoff seinen Besitzern zurückgeben. Mit der Sinnlosigkeit an seiner Seite, macht sich der Zwerg auf in die grobe Richtung der Insel des Unheils. Dort könnte man ihm bestimmt den Weg weisen.
Abschnitt 2
Die Nacht ist bitterkalt geworden. Das Knacken seines eigenen Atems erfüllt die Luft, weil die Feuchtigkeit darin zu Eiskristallen gefriert, sobald er seine Mundhöhle verlässt. Die Landschaft ist tot. Keine Tiere, keine Geräusche außer denen, die die eisige Kälte verursacht und die seiner eigenen Schritte dringen an sein Ohr. Feuer machen, kann er nicht. In diesen Höhen gibt es nichts Brennbares. Kein Gewächs hält die Kälte, die Trockenheit und die Kargheit des Bodens aus, und würde noch irgendetwas produzieren was brennen kann. Die halbe Nacht ist es her, dass Grumnir das kleine Grüppchen Bergleute an einem Pass getroffen hat. Wenn er das kleine Dorf nicht bald findet, dass sie ihm beschrieben haben, wird ihn das Schicksal früher finden als ihm lieb ist.
Die Wolken reißen auf, und über ihm kommen die Sterne und ein fahler Mond zum Vorschein. Selbst sie verhöhnen ihn, mit ihrem kalten, farblosen Licht. „Die grausame Schönheit der Natur,“ denkt sich Grumnir und wickelt sich fester in seinen Reiseumhang, um den letzten verbliebenen Rest Körperwärme zu schützen. Er erreicht einen Pass, und blickt sich um. Der Mond ist mittlerweile untergegangen, und die Nacht tiefschwarz. Tief am Horizont erwecken zwei rote, flackernde Sterne seine Aufmerksamkeit. „Wenn sich nicht der Himmel selbst gegen mich verschworen hat, sind das dort keine Sterne; sondern Lagerfeuer.“
Abschnitt 3
Der Nebel, der mittlerweile aufgezogen ist schluckt die Geräusche seiner schweren Schritte. Die steinernen Wänden der rudimentären Häuser gleiten an ihm vorbei, tauchen ohne Vorwarnung vor ihm aus den Nebelschwaden auf und gleiten geräuschlos hinter ihm zuück in den Dunst. Grumnir fühlt sich wie in einem Traum – einem, der sich gerade auf die Schwelle zu einem Albtraum zubewegt. Bald wird er sie erreicht haben, und beginnen darauf zu kippeln.
Der Eindruck den der Weltenbrecher beim Eintritt in das Dorf erhalten hatte, setzt sich hier nahtlos fort. Wachfeuer ohne Wachen, verschlossene Türen, verbarrikadierte Fenster. Als er die Ostseite der kleinen Siedlung erreicht, hört er eine Schar Krähen zu seiner Rechten und bewegt sich in Richtung der Vögel. Vor ihm taucht eine kleine, scheinbar eilig aufgeschichtete Steinmauer auf. Dahinter gleiten Reihe um Reihe frisch aufgeschüttete Steinhaufen aus dem Nebel. Die kleinen gravierten Steinplatten die darauf liegen, machen klar dass es sich hier nicht um Dekoration handelt: es sind Gräber. Zwölf, zählt Grumnir. Wenn er es mit der Größe der kleinen Bergbausiedlung vergleicht, dürfte hier gut ein Drittel der ehemaligen Bewohner liegen.
Grumnir beginnt zu schwindeln. Sein Sichtfeld beginnt sich an den Seiten schwarz zu färben, kalter Schweiß bildet sich auf seiner Stirn, und er taumelt. Noch bevor der Boden sein Gesicht erreichen kann, umfängt in tiefste Schwärze.
„Grumnir, warum? Warum hast du das getan? Ich hatte dich gebeten hier zu bleiben. Aber du gehst weg. Du gehst. Auf der Suche nach Ruhm! Ruhm!“ Das Wort bohrt sich wie ein glühender Schürhaken in sein Herz. Er weiß, dass das entstellte, blutleere Gesicht seiner Gefährtin das sich nur Zentimeter vor seiner Nase befindet nicht wirklich sein kann. Sie ist tot; durch seine Hand. Trotzdem kann er die feinen Härchen auf ihren Wangen sehen. Er kann den Duft nach Honig, Erzstaub, Rauch und einem Hauch Bergveilchen riechen, der ihn seit jenem Tag viele Nächte begleitet. Er hört die Worte der sonst so lieblichen Stimme, die sie ihm wie Dolche entgegenschleudert und mit jedem davon wächst sein Wunsch, sich der ewigen Dunkelheit zu überantworten. Keine ewige Schmiede für ihn, Grumnir den Schlächter. Grumnir, den Verräter. Grumnir, den Narr. Lichtlose Dunkelheit ist sein Schicksal – wenn er es denn findet. Aber den Wunden, die sich seine Seele in diesem Moment selbst zufügt wird er nicht entkommen. Die ewige Dunkelheit lockt, aber sie tröstet nicht. Das Vergessen, dass sie verspricht kann sie nicht halten und diese Erkenntnis wird jeden Geplagten eines Tages ereilen – nur ändern wird sie nichts.
Ein Schwall kalten Wassers holt ihn aus seiner Ohnmacht. Er schreckt hoch, und Desorientierung trifft ihn als er in der Wärme eines kleinen, quadratischen Raumes aufwacht. Er liegt auf einer Strohunterlage, an der gegenüberliegenden Seite brennt ein Feuer und wärmt den kleinen Raum. Grumnir ist sich sicher, noch zu träumen, denn das Wesen das über ihm steht ist kein Zwerg, sondern ein Elf.
Abschnitt 4
Grumnir ist noch immer verwirrt. Was er die letzten Stunden von dem Elfen Aevanion erfahren hatte, ergab einfach keinen Sinn. Das Ganze begann mit kleineren Übergriffen von Ork- und Goblingruppen auf das Bergdorf. Diese konnten mit einer kleinen Gruppe Eidträger, die von Barin Eidschmetterer gesandt wurden, zurückgeschlagen werden. Aevanion war auf dem Weg nach Ekrund, um mit den Zwergen über die Einsatzmöglichkeit von Bitterstein in der elfischen Schmiedekunst zu verhandeln. Sechs Tagesreisen vom kleinen Dorf entfernt stieß er auf eine Kompanie aus Grünhäuten und Geschöpfen des Chaos, die scheinbar den Weg zum kleinen Gebirgsdorf eingeschlagen hatten. Er eilte zu den Eidträgern, und sein Bericht veranlasste sie zu einer Erkundungsmission. Seit vier Tagen fehlt von ihnen jede Spur, und die Übergriffe begannen erneut. Und forderten die Opfer, deren Gräber Grumnir gesehen hatte. Aevanion hatte beschlossen, den Dorfbewohnern mit seiner Klinge beizustehen, solange die Eidträger nicht für ihre Sicherheit sorgen konnten. Fragen über Fragen schwirren in Grumnirs Kopf: warum sollte ein Eidschmetterer seine Eidträger in ein kleines Bergdorf entsenden? Was oder wer sammelte Chaos und Grünhäute unter einem Banner? Und warum scheint dieses Dorf Ankerpunkt für sämtliche Vorkommnisse zu sein?
„Hör zu, Aevanion“ begann er mit einer tiefen, ruhigen Stimme. „Es tut mir leid was diese Dorfbewohner durchmachen müssen. Aber jeder hat sein Päckchen zu tragen, und ich trage an meinem eigenen schwer genug. Solange ich hier bin, werde ich jede Grünhaut zur Strecke bringen, die ihre dreckige Fratze in dieses Dorf steckt. Aber ich werde nicht mit meinem Herz und meiner Axt für andere kämpfen. Nie wieder.“
Ein dunkler Schatten huscht über Grumnirs Gesicht, und Aevanion wendet mit einer Mischung aus Abscheu und Mitleid seinen Blick vom bärtigen Antlitz des Zwergen ab.
„Aber ich brauche eine Information von dir, und vielleicht können wir uns gegenseitig helfen. Ihr sucht eine Axt, und ich einen Ort. Wenn du mir sagen kannst, wo ich dieses Stück Stoff zurückgeben kann, bleibe ich hier bis die Eidträger zurück sind.“ Mit diesen Worten bückt sich Grumnir zu seinem Rucksack und zieht die Überreste des Silberschwingen-Banners heraus. Der Zwerg hört ein unterdrücktes Stöhnen und blickt zu Aevanion auf. In dessen starrem Blick liegt ein Ausdruck, den der Alte nicht interpretieren kann. „Da… da… das Silberschwingen-Banner.“ Bedrückende Stille breitet sich in der kleinen Hütte aus.
„Wo hast du das her?“ Die Augen des Elfen werden hart, seine Lippen werden zu einem Strich. Grumnir meint, ein Zucken der Hände zum Griff des großen Zweihänders sehen zu können.
„Gefunden“, murmelt er.
„Gefunden? Gestohlen meinst du. Von einer Leiche meines Volkes genommen. Du bist kein Krieger, du bist ein Leichenfledderer.“
„Es reicht!“ Die Stimme des Zwerges ist in der Stille der Hütte ohrenbetäubend. „Ich musste mich durch Orkgedärme, abgeschlagene Goblinköpfe und Gliedmaßen wühlen um an dieses Stück Stoff zu kommen. Wenn du den Überbringer schlechter Nachrichten weiter mit dem Verursacher verwechselst, wird dein kleines Elfenleben schneller zu Ende sein als du dein dickes Brotmesser da hinten ziehen kannst. Nutze deinen Kopf, Elf!“
Der harte Ausdruck und die Panik, die plötzlich von Aevanions Gesicht Besitz ergriffen hatten, wichen tiefer Erschöpfung. Der Elf sank in sich zusammen, und rutschte mit dem Rücken an der Wand der Hütte hinunter. „Es… es tut mir leid. Das sind…“, er schluckte schwer. „Das sind nur sehr, sehr schlechte Nachrichten…“
„Großartig“ murmelte Grumnir. „Noch mehr schlechte Nachrichten. Als ob wir das nötig hätten.“
© Grumnir