Die Bestimmung
Es ist das Ende eines langen Krieges,
Die Menschen ziehen, angeführt vom letzten Erben des Imperators, in den Kampf.
Mit ihnen kämpfen die Nomaden der Steppe und das unsterbliche Volk der Neva.
Ihr Feind ist ein Wesen ohne Leben und ohne Tod. Ein Wesen aus Finsternis, geschaffen aus dem Zorn eines Alten Volkes.
So kommt es zu letzten Schlacht, einer Schlacht welche die Bestimmung eines Helden zeigen wird.
Ende eines Zeitalters, der Thron der Könige
Prolog
Das Ende war nahe, alle wussten es. Weder Kurna noch Tanaj machten sich Hoffnungen auf einen Sieg. Einzig Hruin hatte ein unerschütterliches Vertrauen in ihre Stärke gezeigt.
„Wir kämpfen für unsere Welt und all jene die wir lieben! Unsere Feinde kämpfen nur für sich selbst, oder aus Angst vor ihrem Herrscher! Mut und das Licht der Sonne werden in unseren Herzen brennen und uns den Sieg bringen, welches Ende diese Schlacht auch immer nehmen mag. Denn ich habe das Gefühl bereits gesiegt zu haben.“ Hatte er gesprochen und seine Augen leuchteten dabei noch heller als die Sterne seiner Rüstung.
Hrúin hatte sich stark verändert, seine harten Züge waren weicher geworden, seine Stimme klang stets fröhlich und unbeschwert. Nur selten zeigte sich ein Schatten auf seinem Gesicht, ein Schatten welcher ihn aus der Vergangenheit einzuholen schien. Doch niemals dauerte er lange.
„Siegen werden wir wohl nicht, doch sind wir vielleicht nicht hier um zu siegen, sondern um zu kämpfen und der Dunkelheit entgegenzusetzen was wir vermögen!“ Hatte Sirna ihm geantwortet und ihr Schwert gezogen. Tanaj selbst war still geblieben, fast schien es Even als belaste etwas sein Herz worüber er nicht sprach.
Nur Kurna hatte noch seine Stimme erhoben: „Möge sich der Feind an den morgigen Tag nur in Angst erinnern. Niemals soll er bekommen nach was es ihm verlangt. Nie die Welt kampflos im Schatten seiner Herrschaft verschwinden!“
Abschnitt 1
So waren sie auseinander gegangen. Nur Even war am Feuer geblieben, allein, ängstlich dem morgigen Tage entgegenblickend während die Heerführer ihren Soldaten ein letztes mal Mut zusprachen und auf den morgigen Tag vorbereiteten Und nun war er fast gekommen, jener Tag der die Entscheidung bringen würde. Wenn die Sonne den letzten Turm der einstigen Nevastadt aus dem Schatten erhob würde ihr Angriff beginnen.
Waren all die Entbehrungen, aller Schmerz der vergangenen Jahre nur für diesen Tag erlitten worden? Even dachte an Tanaj, jenen Jungen Mann der so viele Soldaten hinter sich vereint hatte und nun Kaiser des Imperiums war. An Sirnathiel, seine Frau die jetzt nicht bei ihm sein konnte weil ihr Volk sie brauchte und an Cassarah.
In diesem Augenblick schien es ihm als wäre sie ganz nahe bei ihm und das Atmen fiel ihm schwer. Fast glaubte er, sehe er sich nur um, sie stände hinter ihm, doch so schnell das Gefühl gekommen war so schnell verblasste es wieder.
Even seufzte und warf einen kleinen Stock ins Feuer, der prasselnd darin verschwand. Er fühlte sich plötzlich leer und die Kälte ließ ihn frösteln, dabei war es nicht kalt. Etwas anderes brachte sein Blut dazu ihn nicht mehr zu wärmen.
Sein Blick wanderte zu den Ruinen, die Türme der einstigen Stadt ragten wie fahle Gespenster in den ungewöhnlich hellen Nachthimmel und schienen drohend auf den Befehl zum Angriff zu warten. Dort, irgendwo dort in der Dunkelheit wartete Genaan auf sie.
Nur mit Mühe zwang er sich nicht an die Kreatur aus Finsternis zu denken welcher er vor Ek´Veys gegenüber gestanden hatte.
Sephiel hatte dort sein Leben für ihn gelassen, ebenso wie die meisten Krieger des Ordens. Sie waren gestorben um ihn zu schützen, ihn den Herrscher ihres Hauses.
Even stockte der Atem, nie zuvor war ihm so bewusst geworden welch hohe Stellung er einnahm.
Gerade hatte er beschlossen doch in ihr gemeinsames Zelt zurück zu kehren um noch ein wenig Schlaf zu suchen, als neben ihm ein Mann wie aus dem Nichts erschien.
Even erkannte in ihm den Anführer der Neva welche mit den Schiffen gekommen waren,
Tuviel war sein Name gewesen. Even erinnerte sich an ihn, doch sah er verändert aus. Seine Haare hatte er zur Hälfte gekürzt und er trug eine Rüstung aus seltsam schimmernden Platten, manche Schwarz, manche silbern und andere in gänzlich verschiedenen Farben.
„So sitzt ihr am Vorabend der Schlacht nun einsam am Feuer. Habt ihr Zweifel an eurem Tun?“ Tuviel sprach als richte er sein Wort an einem größeren Herrn als er es selbst war, so voller Ehrfurcht war seine Stimme. „Der König vor euch tat dies ebenso wie ihr. Es betrübt mich das er tot ist, doch wie es scheint hat er einen würdigen Nachfolger gefunden“, fügte er hinzu.
„König“, Even wurde schwindlig bei Tuviels Worten. „Nein ich bin kein König und auch kein Herr, ich bin nicht einmal einer der Euren, ich bin nur ein Junge, zu fast allem was ich bin wurde ich gezwungen, selten hatte ich eine Wahl. In mir fließt kein Blut des Adels, und ich bin kein großer Krieger, ich bin nicht einmal besonders tapfer“, fügte er kleinlaut hinzu.
„Und doch seid ihr hier! Nicht das Blut, oder die Herkunft bestimmen was wir sind“, sprach Tuviel da leise. „Es sind unsere Taten welche bestimmen wie andere uns sehen. Adel mag in der Welt der Menschen von ihrer Geburt abhängen, doch in meinem Volk schätzen wir Gesinnung und Taten höher ein als der Stand der Eltern. Der ärmste Bettler mag einen großen Fürsten zum Sohn haben, und die höchste Königin den ärmsten Bettler gebären.“
Even wusste darauf nichts zu antworten und starrte beschämt in die Finsternis, ein leichter Wind kam gerade auf und es schien als brächte er Wärme, denn die Kälte in Even verflüchtigte sich.
„Einst war ich ebenso ein König wie Kendai Hedatha“, sprach Tuviel weiter und in seiner Stimme lag Schmerz und es klang als wäre er plötzlich weit entfernt von allem Geschehen.
„Ich war König dieses Landes und meine Frau, die schönste unter dem Himmel, regierte das Land mit Liebe und Weisheit. Nichts konnte sich mit ihrer Ausstrahlung messen und kaum etwas war schöner als jene Kunstwerke die sie schuf. Sie verstand es ein Metall zu schmieden welches die Dunkelheit verbannte und das allein bei seinem Anblick Licht in die dunkelsten Orte zu bringen vermochte. Einen Sohn hatten wir und eine Tochter. Sie waren schön und stark wie Sonne und Mond und alle liebe schenkten wir ihnen, doch war dies nicht genug wie es scheint.“ Er stockte und breitete seine Hände aus als versuche er die Erinnerung damit zu fassen.
„Dort auf diesem Berg, inmitten unserer Hauptstadt stand unser Haus. Es war in einer Nacht wie dieser als Genaans Schergen eindrangen und unsere Tochter töteten. Sie kamen ohne Warnung denn mein Sohn ließ sie ein, er selbst war ein Anhänger Genaans und ist es noch jetzt! Ich war nicht dort, doch ich wünschte ich wäre es gewesen, denn Genaan verlangte von Nien das Geheimnis jenes Metalls welches sie zu schmieden vermochte. Sie verweigerte es ihm; so nahm er es sich mit Gewalt.
Als ich zurück kehrte fand ich nur ihren toten Körper und den meiner Tochter! Mein Sohn war aus freien Stücken mit ihm gegangen und kehrte nicht wieder. Doch das Metall vermochte er nicht mit sich zunehmen, es verbrannte Genaan und seine Schergen, denn der Fluch Niens liegt ihm nun inne.
So verlor ich in dieser Nacht alles was ich liebte und Trauer übermannte mich. Ich floh mit meinem Haus vor dem kommenden Krieg und andere fochten die Schlachten die ich hätte schlagen müssen. So kam Schande über mich, doch nun bin ich zurück und sehe das selbst Menschen die Schlachten der Neva kämpfen. Es beschämt mich das die Menschen Heute mehr Mut aufweisen als ich es damals tat. Doch kehrte ich wieder um als Wiedergutmachung zu leisten was ich vermag. Even!“ Er sprach seinen Namen mit einem seltsamen Akzent aus und ließ ihn so fremd klingen als wäre es ein Name aus ihrer Sprache.
„Weißt du was mit dem Metall geschah?“
„Nein“, stammelte Even. „Oder doch“, verbesserte er sich schnell. „Es war Niens Krone richtig? Sie zerbrach in drei Teile und Kendai nahm sie an sich nachdem man sie zu Grabe getragen hatte. Ein Teil der Krone liegt im Imperium und bildet dort die Sptize des Pfeils welcher in den Thron des Kaisers verarbeitet ist.
Aus den anderen beiden Teilen wurden die Dolche geschmiedet die ich trage und welche ein Erbstück des Hauses des Mondes wurden!“
Tuviel lachte leise. „Ihr seid ein gebildeter Mann, König der Neva!“
Even fuhr das Wort König durch Mark und Bein als Tuviel es erneut aussprach, doch er widersprach nicht mehr.
„Doch wisst ihr nicht alles, denn als ihre Krone zerbrach da nahm ich den größten Teil mit mir, als Andenken an meine Frau und meine Tochter, denn auch sie trug eine Krone aus Niens Metall. Ich verbarg sie vor meinem Volk. Doch während die anderen Teile zum Kampf gegen Genaan eingesetzt wurden blieb das meiste Metall ungenutzt, denn dies war die Schwache Erinnerung an meine Familie, nachdem ihre Körper in den Flammen ihrer Gräber vergangen waren. Ich behielt sie für mich und dachte nicht an ihren Nutzen. Dies soll nicht wieder geschehen. Nun erhoffe ich nur eines, meinen Sohn in der kommenden Schlacht zu treffen und mit ihm vereint zu vergehen.“
Tuviels Worte waren gegen Ende angeschwollen und klangen nun wie ein Orkan. Plötzlich stand er vor Even als Krieger und Heerführer, nicht mehr als Rückkehrer aus einer selbst aufgelegten Verbannung.
Er zog sein Schwert und hielt es hoch in die Luft. Es war gänzlich aus eben jenem Metall wie auch Evens Dolche und ähnlich verziert, doch schöner und kunstvoller geschmiedet. Das Schwert ähnelte dem Kendais, doch es war etwas länger und es glänzte im Mondschein als ginge ein inneres Licht von ihm aus.
„Ich hörte euer Schwert, das Schwert des Königs der Neva, sei von Genaan selbst zerbrochen worden als ihr ihm in einer Hoffnungslosen Schlacht entgegengetreten seid. Nehmt nun also dies als Geschenk und Zeichen meiner Anerkennung. Es wurde geschmiedet für einen einzigen Zweck, und nie legte ein anderer Hand an es außer den Königen der Neva. Niemals wird es zerbrechen und kein Wesen der Finsternis kann es berühren ohne verbrannt zu werden. Nehmt es und zieht damit in die Schlacht! In ihm liegt alle Macht Niens, vielleicht ist es die einzige Waffe die Genaan zu vernichten imstande ist.“
Even war sprachlos, nur langsam nahm er das kostbare Geschenk in seine Hände das Tuviel ihm entgegenhielt. Als Even den Griff in Händen hielt verbeugte sich sein Gegenüber noch einmal kurz, dann ging Tuviel wortlos und Even war wieder allein.
Mit einer Mischung aus Furcht und Stolz betrachtete er das Schwert Tuviels. Es war leicht, fast zu leicht, doch seine Kling war schärfer als die jedes anderen Schwertes das Even je getragen hatte. Seine Klinge schien zu vibrieren und zugleich zu singen, es war kein Schwert dieser Welt, fast schien es Even als lebte der Geist seines Schöpfers in der Klinge.
Es leuchtete als bestünde es aus Sternenstaub; selbst in seiner Scheide aus Leder glomm noch ein silberner Funke daraus hervor. Dies war das Schwert eines Königs, und ein solcher schien Even nun zu sein.
Abschnitt 2
Der Morgen graute, alle waren bereit und erwarteten das Signal. Sirnathiel, die Hochkönigin der Neva, führte den Oberbefehl über die Armee und würde den Zeitpunkt ihres Angriffs bestimmen.
Es war soweit! Nun würde es Enden, auf welche Weise auch immer.
Im Norden wehte das schwarze Banner Elons über dreizehntausend Reitern auf gepanzerten Schlachtrössern. Nicht weit südlich von ihnen bildeten die überlebenden Mievesgarder Soldaten einen Wall aus Schilden und langen Speeren. Sie trugen nur die Banner ihrer niedergebrannten Stadt und in ihren Augen brannten Hass und Wut. Fünfhundert Reiter unter dem Banner Largs bildeten den Übergang in die Mitte ihrer Streitmacht auf den hohen Hügeln. Gold, rot und schwarz glitzerten dort Rüstungen in der aufgehenden Sonne. Der Drache Largs zierte unzählige Standarten jener vierzigtausend Männer aus allen Städten und Ländern des Imperiums. Alle Waffengattungen waren vertreten, Bogenschützen, Schwertkämpfer, Spießträger und Hellebarden. Diese Männer würden, angeführt von Tanaj dem neuen Kaiser des Imperiums, den Hauptsturm führen und am Ende die Mauern des Feindes zu erklimmen.
An der rechten Flanke bildeten die Unsterblichen eine Linie aus Reitern und Fußsoldaten. Sirnathiel saß dort hoch auf ihrem weißen Ross. Sie trug eine Rüstung gleich der ihres Vaters, und sie war schön wie der Morgen.
Südöstlich der Neva hatte Kurna mit seinen neutausend Lohonev Stellung bezogen um dem Feind in die Flanke zu fallen und so deren Linien aufzubrechen. Denn eines war klar, die Schlacht würde auf dem Feld vor der Stadt entschieden werden. Einmal belagert würde die Stadt sicher fallen und Genaan wäre verloren. Auch der Feind wusste dies und würde alles daran setzen diese Schlacht zu gewinnen. Seine Armee war weit größer als die der Allianz der freien Völker, auch das wusste er.
Alle Heerführer würden mit ihren Männern auf Sirnas Ruf hin gemeinsam in die Schlacht ziehen. Ein brennender Pfeil würde ihr Signal sein.
Even befand sich unter den Reitern der Leibwache Tanajs und würde dem jungen Kaiser direkt in die Schlacht folgen. Unruhig stampfte sein Pferd auf und blähte die Nüstern. Ein Hauch leichten Windes trug einige verdorrte Blätter vor ihnen durch die Luft. Beruhigend strich Even über seinen Hals. Das arme Tier würde wahrscheinlich in einer Schlacht fallen die es nicht verstand. Nur ein weiteres kleines Leid welches ihr Handeln über diese Welt brachte. Even hoffte mit ganzem Herzen das diese Schlacht die letzte sein möge die in dieser Welt zu führen war.
Even trug nicht nur eine Rüstung welche aussah wie die Kendai Hedathas, es war eine der Rüstungen des einstigen Hochkönigs. Mit dem Schwert Tuviels und den beiden Dolchen der Neva sah er tatsächlich aus wie ein Krieger, dabei war er es nie gewesen. Er hasste diese Waffen, und doch bewunderte er sie auf eine Art die er selbst kaum verstand.
„Männer des Nordens!“ Tanajs Stimme klang stark, unbeugsam und sie holte Even aus seinen Gedanken zurück. „Männer des Ostens! Männer des Südens! Männer des Westens! Volk Elons, Volk des Imperiums, Volk der Steppe. Ihr Erstgeborenen aus der Welt unserer Vorväter. Ihr freien Völker Antrurins!“ Er hielt kurz inne um Luft zu holen.
„Vereint stehen wir hier, bereit unserem Schicksal zu begegnen und alles zu verteidigen was wir lieben. Der Feind glaubt wir seien schwach, unsere Bündnisse zerrüttet! Er behauptet Ehre und Mut schwänden! Unsere Feinde glaubten das alte Bündnis wäre zerfallen, das Imperium seiner einstigen Begründer beraubt. Doch nichts von alledem ist wahr. Kein Verrat, keine Täuschung konnte unser Reich zertrümmern und nun stehen wir hier um die Herrschaft über diese Welt zurückzufordern. Nie soll Dunkelheit über die Ländereien eines freien Volkes kommen solange auch nur ein Mensch des Imperiums atmet. Wir werden nicht weichen, nicht
Heute, nicht in der Zukunft. Niemals wird die Kraft unserer Herzen gebrochen sein.“
Der Kaiser spornte sein Pferd an und ritt die Reihen seiner Krieger entlang.
„Heute kämpfen wir“, brüllte er. „Denkt nicht an Morgen, erinnert euch eurer Heimat, eurer Frauen, eurer Väter und Mütter, eurer Kinder! Wir kämpfen und sterben Heute für sie. AMOURON!!! Für die Stadt unserer Väter!“ Die Soldaten griffen seine Rufe auf, und bald schon riefen sie den Namen ihrer Hauptstadt oder den des Kaisers.
Als habe dieser Ruf sie erweckt zogen in diesem Moment dunkle Wolken am Himmel herauf und die Tore der Ruinenstadt öffneten sich.
Genaans Heer ströme in die Ebene, dunkle Kreaturen, Trolle, Menschen und Abscheulichkeiten für die Even keinen Namen kannte nahmen Aufstellung vor der Stadt ihres finsteren Königs. Ihre Zahl war so gewaltig das Even sie nicht zu schätzen vermochte. Ängstliches Raunen ging durch die Reihen der Soldaten, die wahre Anzahl ihrer Gegner schien den meisten erst jetzt bewusst zu werden. Einer schwarzen Flut gleich füllte die Streitmacht des Fürsten der Schatten die gesamte Ebene aus.
Ein einzelner Reiter löste sich von dem brodelnden Haufen und ritt in vollem Galopp auf ihre Linien zu. Als Even ihn erkannte verkrampften sich seine Muskeln, es war der Mörder seiner Tochter, der Dunkle Magier und mächtigster Diener Genaans. Sein Gesicht war erneut unter seinem schwarzen Helm verborgen.
Even griff zitternd nach seinen beiden Dolchen. Vielleicht war ein Sieg hier nicht möglich, doch wenn er den richtigen Augenblick abwartete, könnte er zumindest diesen Mann zur Strecke bringen und ihn für all das büßen lassen was er verbrochen hatte. Even blickte zu Sirnas Truppen, aber sie zeigte auf die Entfernung keine Regung. Nicht allzu weit von Even und Tanaj, entfernt zügelte der Dunkle Magier sein Pferd und blieb stehen.
„Hört mich an, Kaiser der Kendai. Nun da ihr die wahre Macht eures Feindes erkennt bietet er euch an eure Leben zu schonen. Legt eure Waffen nieder und alle Menschen werden verschont! Ihr sollt zurückehren in eure Städte wenn ihr die Herrschaft Genaans anerkennt und ihm Gehorsam schwört.“
Zum ersten Mal hörte Even den Mann sprechen. Die Stimme klang seltsam angenehm und fast freundlich. Sie erinnerte ihn auf seltsame Weise an Sirnas Vater, doch war sie weniger hart, ihm war als hätte er sie schon einmal vernommen, doch konnte Even nicht sagen zu welcher Zeit.
Nur die Worte waren hart, nicht aber ihr klang. Es war als hätte er die Stimme eines anderen gestohlen um seine Boshaftigkeit zu überdecken.
In Even gärte der Hass. Er würde diesen Mörder zur Strecke bringen, sein eigenes Leben kümmerte ihn gerade nicht. Tanaj lenkte sein Pferd vor den finsteren Unterhändler und richtete sich stolz in seinem Sattel auf: „Niemals werden wir vor Genaan kriechen“, verkündete er laut. „Wir werden seine Armee zerschmettern, seine Mauern niederreißen und ihn anschließend aus dieser Welt vertreiben.“
„So sei es!“ Die Stimme des Dunklen Magiers klang fast traurig. Er machte Anstalten sein Pferd zu wenden. Jetzt oder nie, dachte Even. Er zog die Zügel an und wollte gerade seinem Pferd die Sporen geben, als ein mächtiger Geist seine Gedanken streifte.
Ihm war als fege etwas seinen Verstand leer und wische alle Wut fort. Bilder huschten an seinem inneren Auge vorbei und ein einziges Wort drang tief in sein Bewusstsein ein: Hoffnung. Der fremde Geist war dem des mächtigen Greifs ähnlich welcher im Tode seine Gedanken mit Even geteilt hatte, aber jünger und stürmischer.
„Hass birgt keine Erlösung, nur Vergebung ist dessen Mächtig!“ Mit diesen Worten waren die fremden Gedanken so schnell verschwunden wie sie gekommen waren. Auch der Dunkle Magier und Bote des Feindes hatte bereits die Hälfte seines Weges überwunden.
Hoffnung, Even war sich nicht sicher was er davon halten sollte, doch der brennende Hass war aus seinem Herzen verschwunden. Er blickte in den Himmel und suchte den Horizont ab, doch es war kein Greif zu erkennen. In diesem Moment schoss Sirna einen brennenden Pfeil gen Himmel, das Signal zum Angriff. Langsam setzte sich das Heer in Bewegung, seinem Schicksal entgegen.
Abschnitt 3
Mit der Nacht waren auch die Zweifel zurückgekehrt. Mekrins Gefährten sprachen nicht darüber, aber er sah die Angst in ihren Augen. Neunhundert waren sie bei ihrem Aufbruch gewesen. Zwar war ihre Schar mittlerweile auf das doppelte angewachsen doch die Angst vor dem was vor ihnen lag war mit gleicher Geschwindigkeit gestiegen. Keine Worte vielen ihm ein um seine Kameraden zu ermutigen. Über neunzig Wegstunden lagen hinter ihnen, dies
war die größte Schar Zwerge die seit dem großen Krieg gegen die Menschen ihre Bergfestungen verlassen hatten. Seit der Schlacht am Nordpass und dem Kampf an den Toren Zwergenbingens hatte sich vieles Verändert. Der König lag im sterben und seine beiden Söhne waren mehr damit beschäftigt seinen einstigen Reichtum unter sich aufzuteilen als an die Zukunft ihre Volkes zu denken. Genaans Kreaturen hatten sich tief in die Höhlen unter dem Berg geflüchtet und stellten noch immer eine Bedrohung für unachtsame Erzschürfer und kleine Gruppen dar die sich zu tief in die Eingeweide des Berges hinabwagten. Doch auch dieser Gefahr begegneten die Zwerge mit Mut und Entschlossenheit, es hatte so ausgesehen als brächte die Zukunft trotz allem gutes für sie. Ihre Festung war nach den Reparaturen noch mächtiger und die meisten Toten waren betrauert. Sie hatten sich ihrer Zukunft zugewandt und große Pläne geschmiedet.
Doch dann hatten sie von der Schlacht um Mievesgard erfahren, und der vernichtenden Niederlage des Imperiums. Auch die Rückkehr Genaans in die verlassene Heilige Stadt der Neva war ihnen nicht verborgen geblieben. Ihnen war klar, würde Genaan dort seine Position festigen so würde ihm keine Macht dieser Welt mehr seinen Herrschaftsanspruch streitig machen können.
Schließlich hatten Booten der neuen Allianz ihren König aufgesucht und um Hilfe in einer letzten verzweifelten Schlacht gebeten. Zuerst hatte ihr König die Bitte mit der Begründung, das Volk der Zwerge sei zu schwach, abgelehnt. Doch Mekrin und einige andere Krieger hatten ihn eines besseren belehrt und an ihre Ehrenschuld erinnert. So hatte der König sie wiederwillig ausgesandt alle Freiwilligen um sich zu scharen und zur Unterstützung des
Bündnisses in den Krieg zu ziehen. Doch hatte der König lange gezögert und Mekrin fürchtete sie würden zu spät kommen. Noch drei Tagesmärsche benötigten sie bis zu den Ebenen vor der Heiligen Stadt. Drei Tage und sie würden entkräftet und müde ankommen, kaum bereit für eine Schlacht. Doch hatten sie keine Wahl. Vier Stunden würden sie heute Nacht rasten, dann würden sie wieder aufbrechen. Sie mussten ihre Ehrenschuld abgleichen, dies verlangte ihr Stolz und alle freien Völker verließen sich darauf. Auf sein hartes Lacken gebettet versuchte er etwas Schlaf zu finden als etwas seine Gedanken zu berühren schien.
Abschnitt 4
Der erste Schlagabtausch war bereits vorüber, vereinzelt suchten noch Pfeile ihr Ziel, verfehlten es aber zumeist, oder prallten an Rüstungen oder Schilden ab. Das Heer der Allianz hatte sich Genaans Streitmacht genähert und dabei immer wieder für Pfeilsalven halt eingelegt.
Tanaj beabsichtigte damit den Feind zu einem Angriff auf die gepanzerten Speerträger in ihrer Mitte zu verleiten. Doch bisher hatte der Feind auf sie nur mit vereinzelten Pfeilen geantwortet. Wie schon in den bisherigen Schlachten besaß Genaan kaum Bogen- oder Armbrustschützen. Erst als die fünfhundert Reiter aus Larg einen gewagten Vorstoß gegen ihre Flanke geführt hatten, hatte Genaan reagiert.
Allerdings völlig anders als erwartet, sein Heer war weiter an die Hänge der Stadt zurückgewichen. Wenn die Allianz nun angreifen würde wären sie gezwungen Bergauf zu kämpfen, und weder Tanaj noch Hruin wollten dieses Risiko eingehen. Also hatte Sirna mit ihren Kriegern einen ersten Angriff geführt, mit erstaunlichem Erfolg: Ihre Reiter durchbrachen die feindliche Linie ohne nennenswerte Gegenwehr und richteten ein Gemetzel unter den Kreaturen Genaans an. Blind vor Wut hatten diese sich auf einen Gegenangriff eingelassen und waren von den Speerträgern des Imperiums schnell und erbarmungslos niedergemacht worden. Gleichzeitig hatte jedoch ein großer Teil der rechten Flanke des Gegners einen Sturmangriff, angeführt von zwei duzend Trollen, auf die Elonianer geführt. Hier waren die Verluste sehr groß und auch wenn der Feind insgesamt weit mehr Tote zu beklagen hatte, so konnte er diese auch weit besser ausgleichen. In der Allianz hingegen hinterließ jeder Tote eine klaffende Lücke.
Nun hatte sie das Heer Genaans wieder an die Hänge zurückgezogen und es sah fast so aus als würde Tanaj nichts anderes übrigbleiben als den Angriff Berauf zu wagen, da zeigten ihre fortgesetzten Provokationen doch endlich Wirkung. Die Linie ihrer Feinde rückte näher heran, bereit jede Sekunde anzustürmen.
Evens Blut begann zu kochen, endlich war es soweit. Doch noch musste er warten. Wie geplant wichen die Imperiumstruppen langsam zurück und lockten so den Feind zwischen die Reiter Elons und der Neva.
Schreie aus wilder Wut und ungezügeltem Hass drangen da an Evens Ohren; als wären sie von schweren Ketten erlöst hatte Genaans Heer nun jede Vorsicht verloren und stürmte schnell heran. Even schaffte es gerade noch an die Seite Tanajs zu gelangen, dann brach der Feind über sie herein.
Die erste Angriffswelle starb in den Speeren der Imperialen Garde, doch schon die nächste Reihe brach durch. Aus der geordneten Schlachtlinie wurde in Sekunden ein heilloses durcheinander, als die Schwertkämpfer zu den Speerträgern aufrückten um diese zu unterstützen. Doch Even blieb keine Zeit darüber nachzudenken denn er musste sich seiner eigenen Haut erwähren. Gleich zwei echsenartige Wesen drangen auf ihn ein. Den ersten enthauptete er mit einem schnellen Streich, nur um vom zweiten aus dem Sattel gestoßen zu werden. Der Aufschlag war unbarmherzig hart und presste alle Luft aus seinen Lungen. Hustend rollte er sich herum um sich aufzurichten. Sein Pferd war durchgegangen und hatte auf seiner Flucht den zweiten Angreifer niedergetrampelt.
Um ihn herum herrschte das Chaos. Die Imperiale Armee war untrennbar mit dem Feind verkeilt und in jeder Minute starben duzende auf beiden Seiten. Geschrei und Kampfeslärm waren betörend. Evens Rappe war nahe genug um ihn in wenigen Schritten zu erreichen, blindlings stürmte er los und erreichte sein Ziel, Tebar sei Dank, unbehelligt. Wieder auf dem Rücken seines Pferdes fühlte Even sich sicherer und betrachtete seine Umgebung. Er war etwas zurückgeblieben denn getrieben von ihrem Zorn und dem Willen zum Sieg hatte das Imperium die Angreifer zurückgedrängt. Die ersten Soldaten Genaans wandten sich bereits zur Flucht und starben im Pfeilhagel. Hruins Streitmacht wartete noch gesammelt zu ihrer linken, und auch die Neva bewegten sich nicht. Nur das Imperium kämpfte. Von den Lohonev war weit und breit nichts zu sehen. Even fragte sich warum Hruin und Sirna nicht eingriffen. Er suchte nach Tanaj konnte den jungen Kaiser im Schlachtgetümmel aber nicht erblicken. Immer weiter rückte das Imperium gegen die Linien Genaans vor und tötete Feind um Feind. Fast schien es als brächen sie durch, doch Even hatte die Zahl ihrer Feinde unterschätzt. Denn nun begann Genaans Hauptheer zu stürmen und der Angriff der Imperialen verwandelte sich in einen wilden Rückzug, nur die Garde hielt im Zentrum des Kampfes die Stellung und verhinderte so das aus dem Rückzug Flucht wurde. Dann sah er Tanaj. Inmitten seiner Leibgarde pflügte dieser durch die Verfolger aus Genaans Heer und schützte so den Rückzug. Even gab seinem Pferd die Sporen und warf sich in die Schlacht.
Weit hinter den einstigen Linien begann das Imperium sich wieder zu formieren und erwartete den Angriff des Feindes. Hruin bewunderte die Kühnheit Tanas. Sein Vorstoß veranlasste den Feind nun zu einem unüberlegten Gegenangriff, doch hatte er viele Opfer gekostet und kostete vielleicht auch das Leben des Kaisers selbst. Die Kendais waren wohl doch mutiger als er geglaubt hatte. Es war an der Zeit, er gab das Zeichen und seine Männer bildeten eine Angriffslinie. Zehntausende Kreaturen Genaans kämpften nun zwischen seinem Heer und dem der Neva gegen die hoffnungslos unterlegenen Kendai. Nun würde sich das Schicksal seines Volkes entscheiden, mit einem lauten Aufschrei befahl er den Sturm und preschte voran in die Ebene vor den Ruinen der ältesten Stadt dieser Welt.
Wie eine Lawine aus schwarzen Steinen ergossen sich die Reiter Elons über ihre Feinde und drängten sie zurück. Doch immer mehr Kreaturen Genaans entschlüpften den Ruinen der Nevaruinen und griffen in den Kampf ein. So wusste auch die letzte Tochter des höchsten Hauses der Unsterblichen das das Ende gekommen war. Das Ende der Welt wie ihr Volk sie kannte. Mit Zorn in der Stimme begann sie zu Singen und ihr Volk stimmte ein. Die Wolken am Himmel rissen für einen Moment auf und die Sonne strahlte hell über ihren Köpfen. So rückten sie vor, singend gegen ihre Feinde, die Sonne über ihren Köpfen mit silbern schimmernden Rüstungen und Zorn in den Augen.
Geblendet vom Licht der Sonne hörten die Lohonev den schrecklich schönen Gesang der Unsterblichen. Ein letztes Mal blickte Kurna zu seinen Kriegern: „Für die Freiheit, Volk der Steppe! Der Tag der Rache ist gekommen! Für die Freiheit! Zermalmt sie!“ Südöstlich der Stadt schwenkten die Lohonev in einem weiten Bogen um in die Rücken ihrer Feinde zu brechen.
Abschnitt 5
Even blutete aus zahllosen Wunden, keine davon war wirklich gefährlich, trotzdem fühlte er sich immer schwächer. Er wusste nicht mehr wie viele Feinde er erschlagen hatte, seine Hände und Füße funktionierten automatisch, parierten Hiebe und schlugen zurück. Er war müde und hatte genug vom Krieg. Etwas in ihm wollte aufgeben und sich wie tot zu Boden werfen, abwarten ob die Schlacht gewonnen oder verloren würde. Derzeit konnte er darüber nur raten. Ihre Heere waren so ineinander verkeilt das er keiner Seite einen Vorteil ansehen konnte, selbst von seiner erhöhten Position aus. Nur eines war sicher, Genaans Heer war ihnen an Zahl immer noch weit überlegen. Nicht weit von ihm kämpfte Tana mit dem Rest seiner Leibwache gegen einen Troll und warf diesen nieder. Gleichzeitig warf ein Mensch in der Rüstung des Feindes einen Speer nach Even. Mit großer Mühe lenkte er diesen mit seinem Schild ab und überritt den Angreifer.
Auch sein Pferd zeigte starke Anzeichen von Müdigkeit und strauchelte. Am Boden hätte Even, so schwach wie er war wohl keine Chance mehr. Laut brüllend spornte Tana seine Männer weiter an, schrie sie an durchzuhalten und nicht aufzugeben. Doch ihr Kampfgeist erlosch langsam, zu groß war die Übermacht des Feindes. Dieser zog sich gerade langsam zurück um sich neu zu sammeln. Ihre Zahl war noch immer größer als die Allianz zu Beginn an Männern verfügt hatte. Der Boden des Schlachtfeldes war bedeckt von Leichen beider Seiten und auch wenn die meisten zu Genaans Heer gehört hatten, in den Reihen der Allianz klafften tiefe Lücken, mehr als ein drittel war tot oder lag sterbend auf dem Schlachtfeld. Tanaj war Even in diesen Minuten nahe und legte ihm seine Hand auf die Schulter: „Du lebst noch, gut! Es war mir eine Ehre an deiner Seite zu kämpfen, Freund! Hier können wir nicht siegen, ihre Zahl ist einfach zu groß! Doch wir werden bis zum letzten Augenblick kämpfen.“
Er griff an seinen Sattel und reichte Even einen langen Stab an dem das Banner Amourons im Wind flatterte.
„Kein Ritter, kein General hat in diesem Krieg mehr geleistet als du, Even. Das Banner deiner Heimat gebührt dir in dieser letzten Schlacht. Reite mit ihm voran und kein Soldat in deiner Nähe wird diesen Kampf fliehen! In den Tod!“
Mit diesem letzten Schrei auf den Lippen spornte Tanaj sein Pferd an und stürmte den Linien ihrer Feinde entgegen noch bevor Even antworten konnte. Das Banner Amourons. Als Kind hatte er oft von diesem Augenblick geträumt, davon das Banner in die Schlacht zu tragen, ein Held zu sein. Doch hier gab es nichts heldenhaftes, nur den Tot und die Niederlage. „Nur eine sinnlose Niederlage gibt dem Tod seinen bitteren Beigeschmack!“ hatte der Hochkönig der Neva vor seinem tiefen Fall einst zu Even gesprochen. Nichts hätte Even lieber getan als zu fliehen und diesen Ort für immer zu verlassen. Doch etwas hielt ihn hier trotz aller schrecken. Sirnathiel, die junge Unsterbliche die er so liebte. Seine Tochter Cassahra und all die anderen ermordeten währen umsonst gestorben, würden sie jetzt aufgeben. Nein, er musste kämpfen! Genaan durfte die Welt nicht beherrschen. Tanaj hatte Recht, sie mochten nicht Siegen, doch ihr Feind würde sich lange an diese Schlacht erinnern. Mit neuer Kraft schwang er die Standarte Amourons und die Soldaten um ihn herum schöpften scheinbar neue Kraft. Langsam setzten sie sich in Richtung ihrer Feinde in Bewegung, sie folgten dem Beispiel ihres Kaisers, und eines Jungen Mannes welcher noch vor drei Jahren alle Waffen von sich geworfen hätte und geflohen wäre.
Das Heer der Überlebenden bildete jetzt eine geschlossene Streitmacht und rückte vor. Sie würden nicht siegen, aber bis zum Tode kämpfen. Wieder trafen die beiden Heere aufeinander. Über ihnen erklang das Lachen Genaans, dunklem Donner gleich und trieb seine Kreaturen zu Wahnsinniger Wut. Die Heere verkeilten sich ineinander, vom Licht der Sonne war nichts zu sehen und Finsternis viel auf die Herzen der Menschen.
Dann erschienen dunkle Schemen am Himmel.
Genaans Lachen erstarb als die Rhohadar, angeführt vom größten ihrer Art, durch die finsteren Wolken brachen und den Schleier vertrieben. Über zwei duzend dieser gewaltigen Wesen stießen vom Himmel herab und mit ihnen flog das Volk der freien Adler.
Zwei oder drei der Greifen stürzten von Pfeilen getötet zu Boden und zerquetschten ihre Mörder. Einige der Greifen landeten jedoch in den feindlichen Truppen und kleine, Axtbewehrte Wesen sprangen von ihren Rücken und so erreichte auch die Streitmacht der Zwerge jene Schlacht und bis zum Ende der Zeit sollte ihr Flug mit den Herren der Lüfte nicht vergessen werden.
Als Even dies sah brach er in Jubel aus und auch die Imperialen Soldaten schöpften wieder neuen Mut. Wie ein Hammerschlag brandeten sie mit neuer Kraft auf Genaans Heer und fegten seine ersten Linien hinweg. Plötzlich war das Schlachtenglück auf ihrer Seite, der Sieg schien greifbar nahe. Doch desto mehr sie sich den zerfallenen Stadtmauern näherten um so härter wurde der Wiederstand von Genaans Kreaturen. Immer mehr Greife vielen unter den Pfeilen der Verteidiger und der Vorstoß ihres Heeres begann zu wanken. Bald waren beide Seiten wieder ineinander Verkeilt und keine gab auch nur einen Zentimeter Boden preis. Doch die letzten Kräfte der Menschen waren erschöpft. Nur die Neva kämpften mit derselben verbissenen Wut wie zu Anfang der Schlacht, doch viele von ihnen waren bereits gefallen und es schien als drängten die Mynias sie sogar langsam zurück.
Immer wieder attackierten die Greifen den Feind aus der Luft, auch die Zwerge stürmten trotz ihrer geringen Größe mit unvermittelter Härte voran.
Tanaj drängte mit seinen verbliebenen Leibwächtern und dem Orden der Paladine weiter nach vorn, in seinen Augen loderten Zorn und Entschlossenheit, doch seine Bewegungen wirkten Müde. Er würde nicht aufgeben, ein weiteres Mal schien die Schlacht verloren, doch für Even hatte dies nun keine Bedeutung mehr. Zu oft schon waren sie ohne Aussicht auf Sieg gewesen, und jedes Mal hatte das Schicksal sich gnädig erwiesen. Sie kämpften und Genaans Heer war sichtlich geschwächt. Ihr Tot würde dem Imperium und seinen Verbündeten die Zeit geben neue Streitmächte aufzustellen. Genaan mochte auf diesem Feld siegen aber mit solch schrecklichen Verlusten das er sich wohl kaum schnell erholen würde.
Tiefer, regelmäßiger Donner ließ Even in jener Sekunde aufhorchen, in der die Schlacht ein weiteres mal verloren schien. Ihm war als würde die Erde erbeben, gemeinsam im Takt des Donners. Voller Furcht hetzte Evens Blick über den Horizont, er erwartete fast eine neue Teufelei Genaans.
Sein müder Blick suchte das Schlachtfeld ab und was er sah erfüllte ihn mit Schrecken. Als wäre alles um ihn herum nur ein böser Traum sah er wie das Pferd des Kaisers strauchelte. Ihre Blicke trafen sich für einen Sekundenbruchteil und Even glaubte fast ihn schreien zu hören, dann verschwand Tanaj im Meer der ihn umgebenden Feinde. Als verginge die Zeit plötzlich langsamer sah Even wie Deheron dem Bedrängten todesmutig zu Hilfe eilte.
Jeder seiner Muskeln schmerzte, selbst seine Augen brannten wie Feuer, er hätte sich so gern zu Boden geworfen, all das beendet und frieden Gefunden. Doch in diesem Land gab es selbst im Tod keinen Frieden. Even schrie, es war mehr ein krächzen als alles andere, doch es brachte ihn ein Stück weit in die Realität zurück.
Er musste etwas tun, um Sirnas willen, um Tanajs willen. Mit buchstäblich letzter Kraft zwang er sein Pferd auf Tanaj zuzuhalten.
Even sah was geschah, doch sein Geist weigerte sich es zu verstehen. Tanaj war bedrängt, von Feinden, umschlossen, allein!
Nein, er war nicht allein, da war ein Mann. Der Tod war gekommen und er würde ein Leben verlangen. Doch war es nicht das Tanajs, der Heermeister der Paladine schütze seinen Herrn mit dem eigenen Körper als die Speere seiner Feinde diesen erreichten.
Selbst mit durchbohrten Lungen schrie Deheron noch aus vollem Halse als sein Gesicht in den Staub sank: „Der Kaiser steht allein, zu mir, zu mir!“
Dann röchelte er nur noch, Blut quoll aus seinem Mund und es schien als stünde sein Tod unmittelbar bevor.
Doch der alte Krieger bäumte sich noch einmal auf, als hätte der Tod keine Macht über ihn. Er schwang seinen Kriegshammer und streckte seine Mörder nieder. Dann jedoch erstarben seine Bewegungen und er wurde niedergeworfen. Sein Leben verging mit einem letzten rasselnden Atemzug als sein Kopf die Erde berührte.
Der Kaiser jedoch, er lebte und schrie seinen Verlust hinaus. Tanaj weinte, doch er kämpfte zugleich als sei er selbst einer der Unsterblichen. Er erwehrte sich all seiner Feinde mit unbändiger Kraft und Even war fast heran, ihn trennten noch wenige Sekunden vom Ort des Geschehens, doch er würde zu spät kommen, denn als Even schon glaubte er erreiche ihn rechtzeitig da zerbarst das Schwert des Kaisers an der Klinge des schwarzen Hexenmeisters.
Keine Angst zeigte sich auf Tanajs Gesicht als er begriff, dass sein Tod gekommen war. Waffenlos starte er wütend in die Fratzen seines Gegners.
Von einer Seite her nahten einige Paladine, sie stürmten ohne Rücksicht auf sich selbst voran, und selbst Hrúin ritt mit seiner Leibgarde auf den Ort des Geschehens zu.
So standen sie da, gleich den alten Kriegsgöttern aus den Legenden der Menschen, Tanaj der Kaiser der Menschen und der finstere Krieger Genaans vor dem selbst die Königin der Neva hatte fliehen müssen.
Auch wenn alle Soldaten der Allianz in diesem Augenblick auf jenen Punkt der Schlacht zuhielten, so war es sicher, dass keiner von ihnen Tanaj rechtzeitig erreichen würde.
Even stockte der Atem, bemerkte am Rande dass sein Pferd zum Stillstand gekommen war, das sich nichts regte und völlige Stille herrschte.
Die Zeit stand in diesem Moment still, das Schlachtgetümmel schien verebbt als erwarteten alle eine Entscheidung; und so war es auch, denn eine Entscheidung wart getroffen und so geschah was in der Welt zuvor noch niemals geschehen war und nie wieder geschehen würde.
Das Schicksal hatte Tanajs Lebensfaden durchschnitten und alle wussten es. Aufrecht, mit hoch erhobenem Kopf erwartete er sein Ende; mit ihm würde auch der der Kampfeswille seiner Soldaten sterben und damit Genaan siegen.
Die schwarze Klinge näherte sich dem todgeweihten und traf auf seine Rüstung. Doch als sie ihn hätte töten sollen, töten müssen, war er verschwunden.
Wo zuvor Tanaj gestanden hatte war nun Licht; helles gleißendes Licht blendete die Umstehenden für einen kurzen Moment und die Mynias welche den Kaiser angegriffen hatten flohen.
Eine junge Frau stand dort, ihre Arme weit ausgebreitet, den Mann schützend den sie mehr liebte als ihr eigenes Leben, ja selbst mehr als das Schicksal ihres Volkes.
Tränen rannen das schüchtern wirkende Antlitz hinab und goldenes Haar wehte wie im Sturm, doch Arians Augen blitzten wild und sie sang schön und schrecklich zugleich.
Schöner noch als die Lieder der Neva und Furcht einflößender als die Schreie der Mynias.
Diese Melodie war nicht für Sterbliche gedacht und Even fiel es wie Schuppen von den Augen.
All die Kämpfe, die Zerrissenheit ihrer Welt, sie würde nie vergehen solange es in ihr Wesen gab welche nur aus Licht oder Schatten bestanden. Solange diese beiden Gegensätze sich nicht vereinten, solange würde der Krieg andauern und ihre Welt niemals Frieden finden.
Sie hatten immer gegen den Schatten gekämpft, doch nun war das Licht gekommen, und beide Seiten würden am Heutigen Tag nach einem Sieg verlangen wo doch keiner von ihnen siegen konnte. Die Zeit der Unsterblichen Völker war an ihrem Ende. Arian hatte verstanden. Solange es das reine Licht gab würde es reine Schatten geben. Doch das Ende war nun gekommen, nun kamen die Tage der Menschen, bestehend aus Licht und Schatten gleichermaßen, frei in ihren Entscheidungen und frei in ihrem Denken.
Da brandeten die nördlichen Linien der Elonianer auseinander und fernes Donnern schwoll schnell zu einem Sturm an. Selbst die Erde bebte merklich, der Donner wurde zu einem dröhnen und gewann immer weiter an Kraft. Even sah die Elonianer und die gewaltige Lücke welche plötzlich in ihr Heer gerissen worden war. Es schien als stünde eine leuchtende Gestalt auf dem Kamm des Hügels und reckte ihren Hals zu ihnen hinüber, die Krieger Elons hielten einen gehörigen Abstand zu der Erscheinung ein.
Erst erkannte er es nicht, Even kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich. Zuerst überkam ihn die Furcht vor einem neuen Feind den Genaan ihnen nun entgegenwarf, doch was er sah als sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten, ließ ihn vor Freude schreien.
Helles Sonnenlicht überflutete weißes Fell, ließ Hörner silbern aufblitzen. Die Einhörner waren gekommen, gerufen von der jüngsten in ihrem Geschlecht! Die Natur selbst hatte sich nun erhoben, denn mit ihnen kamen Wölfe, Füchse und anderes Getier.
Nie gab es ein Heer wie dieses und nie solche Eintracht unter Jägern und ihrer Beute. Auch
ein gutes Dutzend gigantischer Kolosse aus Stein stürmten durch die Gasse zwischen den Reitern Elons hindurch. „Kristallgiganten“ aus den Bergen Amourons, Steintrolle wie die Kendai sie nannten, stürmten auf das Schlachtfeld.
Keine von Genaans Kreaturen war diesem erneuten Ansturm gewachsen, denn als die freien Völker der Welt gemeinsam fochten da erhob sich die Natur gegen Genaan, den Feind des Lebens selbst, und sie war nicht durch Schwert, Speer oder Pfeil zu verwunden.
Im Angesicht dieses Geschehens floh Genaans Heer, und sein dunkler Schatten zog sich in die Ruinen der Stadt zurück.
Even glaubte kaum was er sah, doch immer mehr dunkle Kreaturen wandten sich zur Flucht und rannten hinaus in die Graßländer oder zurück in die Ruinen der Stadt. Hochrufe und Jubelschreie wurden laut als jene Reiter die noch Kraft übrig hatten ihren Feinden nachsetzten und viele Erschlugen die flohen.
Da war die Schlacht gewonnen. Even weinte, er wusste nicht genau warum er es tat, doch Träne um Träne rann seine Wangen herab und er schluchzte laut.
Sie hatten gesiegt, Genaans Heer war geschlagen, doch zu welchem Preis?
Epilog
Die Heerführer und Anführer der Völker trafen sich später in der Mitte der sieben Heere welche den Sieg errungen hatten. Einzig Tanaj blieb diesem Treffen fern. Freudentränen wurden vergossen, denn keiner der Freunde war gefallen, doch bis auf die Kristallgiganten hatten alle freien Völker schwere Verluste erlitten und Trauer um die Toten machte die Wiedersehensfreude kurz und bitter. Selbst die letzten Einhörner lagen zu Tode verwundet auf dem Schlachtfeld und als man sie fand waren sie dem Tode näher als dem Leben. Ihr Heer hatte sich bereits wieder zerstreut und die Tiere gingen ihrer Wege, doch war ihr Opfer nicht vergebens und die Welt würde ihnen ewigen Dank schulden.
Es war schon spät an diesem Tag als sie den Körper eines jungen Einhorns fanden, es lebte als letztes von ihnen, doch war sein Körper zerschmettert von den Waffen des Feindes. Bei diesem fanden sie auch den Jungen Kaiser.
Arian tat ihren letzten Atemzug in Tanajs Armen, ihren Kopf in seinen Schoss gebettet als das Licht ihrer Augen verging.
Später trug er Arian selbst zu Grabe und legte seine Krone mit ihr unter die dunkle Erde.
So verließ die erste Unsterbliche Rasse die Welt in Schmerz und Tot, doch hinterließ ihr Opfer zumindest Hoffnung.
Tanaj sprach einen Schwur an ihrem Grab: „Nie will ich böses tun in dieser Welt, noch es dulden. Und ich werde nicht ruhen bis der Mörder dieser Wesen selbst der Unendlichkeit überantwortet wurde, das schwöre ich bei meinem Blute!“
Viele wunderten sich, doch erklärte er mit keinem Wort sein Handeln und sollte es auch niemals tun. Er nahm das Geheimnis Arians mit in sein Grab, doch behielt er sie immer in seinem Herzen und vergaß sie nie solange er lebte.
© Deheron