Zorn des Löwen
„Das war der Letzte.“. Avalo zog seine Axt aus der schlanken Gestalt mit den schwarzen Haaren und den dunklen Lidschatten. Er bückte sich und säuberte die blutige Klinge an den Gewändern des Gefallenen. „Diese verdammten Druchii!“, fluchte er und sah sich noch einmal um. Um ihn herum lag eine kleine Abteilung der Dunkelelfen. Ein Spähtrupp, wie sich bei näherer Untersuchung herausstellte. Das verheißt eindeutig nichts Gutes für die Männer und Frauen von Charce. Nur noch mehr Krieg. „Wenigstens wissen wir jetzt, dass ihr nicht die Einzigen hier in der Nähe seid. Deine Befehlshaber werden nun für deinen Leichtsinn zahlen. Wer schleppt schon die aktuellen Befehle mit ins Feindesland.“, spottete Avalo und spie abschätzig auf den Boden vor die Leiche des Offiziers. Wahrlich keine Geste eines Elfen würdig, dachte er, aber der Krieg verändert uns alle und die guten Manieren leiden als erstes darunter. Was solls. Er wandte sich ab und ging zu seinen Soldaten.
An seiner Seite schritt, wie seit je her, sein treuer Kriegslöwe Zeheron. Ein wahrhaft stattliches Tier, dass mit seiner strahlenden Rüstung und dem anmutig schimmernden weißen Fell fast bist zu seiner Schulter reichte. Avalo Weißklinge, der Sohn des Kriegshelden Tarion Weißklinge, war seit seiner Kindheit mit diesem Tier zusammen. Sie sahen sich gegenseitig aufwachsen und beschützten sich gegenseitig vor allen Einflüssen von Außen. Zeheron selbst stammte aus einem, nach elfischen Maßstäben, fürstlichen Geschlecht. Der Stammesvater des Löwen schwor damals dem Ahnen der Weißklingen ewige Treue als Dank für seine Rettung aus einer hinterhältigen Falle der Chaostruppen. Seit dem sind die Löwen aus Zeherons Familie und das Haus der Weißklingen in Blutsbande miteinander verbunden. Ihre Kinder wachsen zwar zusammen auf und werden in der Kunst der Kriegsführung geschult; dennoch muss jeder junge Hochelf eine Reifeprüfung bestehen, in der entschieden wird, ob er würdig ist den Titel des Weißen Löwen zu tragen.
„Mein Herr!“. Avalo erwachte aus seinen Erinnerungen und blickte in die Richtung aus der der Ruf gekommen war. Ein Elf kam von einem Trupp –anscheinend seine Leibgarde, schätze der Weiße Löwe- zu ihm gelaufen. An seiner leichten Rüstung war das königliche Wappen des Phönixkönigs. Ein königlicher Bote? Hier? Verwundert stand er von dem Felsen auf, auf dem er Platz genommen hatte. Zeheron blieb ruhig liegen. Er wusste wie eine wirkliche Bedrohung aussah. Nichtsdestotrotz behielt er den Neuankömmling im Auge. „Mein Herr. Endlich finde ich euch. Ich bin weit gereist um euch eine Nachricht von ihrer Hoheit persönlich zu überbringen.“, sagte der Bote und versuchte dabei etwas Luft zu holen. Er war kein Kämpfer, das sah Avalo. Die Bewegungen waren zu ausschweifend, ganz zu schweigen davon, dass er über diese kurze Distanz ins schnaufen kam. „Ihr habt meine ganze Aufmerksamkeit, königlicher Bote. Wie kann ich euch zu Diensten sein.“, entgegnete Avalo ruhig aber mit einem treibenden Unterton in der Stimme. Er hatte noch einige Dunkelelfen zu belehren, die denken sie könnten sein schönes Charce zerstören. Seine Gedanken schweiften wieder ab. Charce…Einst ein wunderschönes bergiges Land. Die Heimat der Weißen Löwen und ihrer Tiere. Wie weit ist es nur gekommen, dass diese elenden Verräter ihre dreckigen Füße auf dieses Heilige Land setzten konnten. Wut stieg in ihm auf. „Der Phönixkönig erlässt folgenden Befehl“, hob der Bote an. Seine Stimme ließ den jungen Weißklinge wieder in das Hier und Jetzt zurückkehren. „Ihr sollt in das alte Land reisen und beim Imperator vorstellig werden. Das Imperium bittet die Hochelfen von Ulthuan um Hilfe bei der Verteidigung der imperialen Länder vor den Mächten des Chaos. Ebenso wird eine Armee zusammengestellt, die die Anhänger der Zerstörung vernichten soll; auf das endlich Frieden einkehrt in unsere Welt. Zu diesem Zwecke wird bald ein Schiff gen Osten segeln. Findet euch am Hafen ein und besteigt dieses Schiff. Alles weitere wird euch dort erklärt.“ Der Bote endete seine Meldung und Stille legte sich über die Beteiligten. „Die Armeen der Zerstörung vernichten?“. Avalo sprach wieder als erstes. „So lautet die Botschaft.“, bestätigte der Bote mit einem Nicken. Ein vielsagendes Lächeln umspielte Avalos Lippen. Endlich. Endlich ist der Augenblick gekommen dieses Pack zu ihren Göttern zurück zu treiben. Meine Gebete wurden erhört! „Wann bricht das Schiff auf? Werde ich alleine reisen? Wo soll die Schlacht stattfinden?“, wollte der junge Elf wissen. Er überschlug sich fast beim sprechen so aufgeregt war er. Seine Gefühlslage übertrug sich auch auf sein Tier. Zeheron war bereits aufgestanden und scharrte ungeduldig mit den Pfoten, lief im Kreis und starrte dabei begierig auf den Boten. Der Bote war von dem riesigen Tier merklich beeindruckt und stotterte leicht als er wieder zu reden begann: „ Das Schiff legt in drei Tagen ab und ihr werdet nicht allein reisen. Der König lässt diese Botschaft an die besten Hochelfenkrieger in ganz Ulthuan verbreiten. Sowohl die Schwertmeister von Hoeth, die Erzmagier und die Schattenkrieger aus den Schattenlanden senden ihre besten Leute in den Kampf. Und auch die Weißen Löwen beteiligen sich an dem Kreuzzug. Euer Name hat einen hohen Stellenwert in den Reihen der Fürsten, deswegen seid ihr einer der Ersten, der diese Botschaft erhalten hat. Wann und wo die Schlacht stattfinden wird, wurde nicht gesagt. Diese Information wird sicherlich folgen.“ Avalo hörte dem Boten kaum noch zu. Zu viele Gedanken schossen durch seinen Kopf. Ich werde zu den Menschen reisen und diesen Krieg endlich beenden. Herrlich. Ich kann es kaum noch erwarten Schädel zu spalten. Meine Axt dürstet es nach dem Blut der Verräter und mein Löwe wird sie in der Luft zerreißen. Und dann: Frieden. Ein Wort, das so selten geworden ist in diesem Zeitalter. Viel zu selten. Aber das wird sich ändern! „Komm Zeheron, wir gehen.“, rief Avalo überschwänglich. Völlig überflüssig, denn sein Löwe wusste schon was sein Meister dachte. Er stand bereits neben dem Hochelfen und war bereit zum Abmarsch. Freudig, aber nicht überrascht, nahm er das Verhalten wahr und griff nach seinem Reisegepäck, band es sich auf den Rücken und schulterte seine Axt. Zum Abschluss hinterließ er seinen Offizieren letzte Anweisungen, dann verließ er seinen Trupp. Mit einem Kriegsschrei verabschiedeten sich seine Soldaten von ihm. Eiligen Schrittes und mit einem bösen Lächeln strebte Avalo Weißklinge in Richtung Hauptstadt, begleitet von seinem treuen Kriegslöwen Zeheron. Er war wild auf den Kampf. Das Festland. Nun tragen wir den Krieg zu den Kriegstreibern. Die Zeit der Rache für all die Entbehrungen und Leiden ist gekommen. Niemand entkommt dem Kampfeszorn eines Weißen Löwen und seinem Tier. Leiden werden sie, wie wir gelitten haben. Auf das sie in ihrem eigenen Blut ertrinken! Wie zur Bestätigung ließ Zeheron ein Brüllen ertönen, welches selbst die Bäche leiser fließen ließ und noch in Meilen Entfernung von anderen Elfen vernommen wurde.
© Avalo