Mit erhobenem Banner! - Die erste Festung -
Ferras fror. Die gerade einsetzende Nacht machte seinen Posten nicht gerade angenehmer, auffrischender Wind kräuselte sich über der frisch gefallenen Schneedecke und wirbelte feine Schneeflocken auf. Sein Mantel war alt, an mehreren Stellen geflickt und so schäbig wie er nur sein konnte, um noch als Kleidungsstück erkannt zu werden. Der Griff seines Schwertes war so kalt, dass seine Finger am harten Metall festfroren, wenn er sie darauf legte und seine beiden Dolche boten kaum eine bessere alternative.
„Wenigstens sterbe ich dann schnell“, rief er sich ins Bewusstsein. Seit seiner Ankunft am Nordpass hatte er dutzende Männer qualvoll sterben sehen, manche von ihnen waren einer seltsamen Krankheit erlegen, welche sie von innen heraus hatte verfaulen lassen, andere hatten sie überlebt nur um dem Wahnsinn anheim zu fallen. Wahnsinn, der ihren Priester dazu veranlasst hatte sie zu töten. Überhaupt waren der Sigmarpriester und sein Freund, ein Hexenjäger der Inquisition, die einzigen in seinem Regiment, welche scheinbar nicht das Verlangen verspürten nach Hause zurück zu kehren.
Schlimmer noch, beide wachten mit Argusaugen über die Mannen des Greifenordens, damit auch ja keiner von ihnen Fahnenflucht beging, zumindest nicht lebend.
Nicht weit von Ferras entfernt suchte ein abgemagerter Rabe nach Nahrung. Ferras erschrak, ein Rabe, Namensgeber der Rabenschar, wegen der sie überhaupt erst hier waren. Ihre Feinde, Anhänger des Chaos, Verräter am Erbe der Menschen und dem Imperator.
Ihre Lage war von Anfang an aussichtslos erschienen, zu groß war die Übermacht des Feindes und am Ende hatten sie die meisten Dörfer aufgeben müssen und sich hierher in ihr letztes Kriegslager zurückgezogen.
Es war eine Schande. Sein Blick wanderte dorthin zurück, weswegen er überhaupt an diesem trostlosen Ort wachte, zurück zur Steinklauen-Burg.
Es schien fast als lachten ihre finsteren Mauern ihn aus, als grinse sie hämisch über den Tölpel, welcher hier auf der Lauer lag und dabei war im Namen seines Imperators zu erfrieren. Eigentlich war er nur ein einfacher Soldat, die Aufgabe des Spähers hatten ihm schlichtweg seine besser geeigneten Kameraden eingebracht, sie waren allesamt tot. Niedergeschlachtet von Höllenbruten der Chaosgötter.
Doch Ferras wusste, es gab weitaus schlimmeres als den Tod in diesen Tagen. Vor wenigen Tagen war eine Kompanie Männer zum Rabentempel aufgebrochen, kein einziger war zurückgekehrt, zumindest nicht als Mensch.
Er erschauderte wieder und suchte mit seinen Augen die Burgmauern der Steinklauen Festung ab. Kein Wesen war dort zu sehen, doch er wusste die Ruhe war trügerisch. Noch vor wenigen Wochen war diese Festung von Männern des Imperiums gehalten worden, bis eines Nachts eine Armee der Zerstörung sie im Handstreich erobert und somit den gesamten Landstrich unter ihre Kontrolle gebracht hatte.
Plötzlich vernahm er in der Ferne ein donnerndes Grollen, fast als ziehe ein Gewitter herauf, doch Ferras war lange genug Soldat um Donnergrollen von Kanonenfeuer zu unterscheiden. Es dauerte keine Minute bis sich auf den bislang verlassenen Wehrgängen der Steinklauen-Burg kleine Feuer zeigten.
Das Donnern wurde stärker und kam eindeutig aus dem Süden, aus Talabecland. War endlich Verstärkung eingetroffen? War der Imperator hier und führte einen Gegenangriff, um sie endlich aus ihrer schier aussichtslosen Lage zu befreien?
Es musste so sein, denn als Ferras diese Gedanken ersann, öffneten sich die mächtigen Tore der Steinklauen-Burg und Kreaturen des Chaos strömten in Richtung Süden.
„Ein Entsatzheer“, durchfuhr es ihn. Mit atemberaubender Geschwindigkeit zogen die Kreaturen der Zerstörung dem Schlachtenlärm entgegen. Ferras dachte kurz daran ihnen zu folgen, doch seine Befehle waren klar, er sollte die Burg beobachten und nur dann zurückkehren, wenn er gerufen wurde.
Aber war dies nicht eine Ausnahme? Konnte es sein, dass sein Kommandeur noch gar nichts von der Gegenoffensive wusste?
Er war hin und her gerissen, drehte sich dann aber um, mit dem Ziel Bericht zu erstatten und erstarrte.
Vor ihm ragte ein wahrer Hüne in den Himmel, ein Mann gänzlich in schwarz gekleidet und einem abscheulich mutierten Arm, welcher sich gerade nach Ferras Kehle reckte.
Er wollte schreien, doch seine Stimme versagte ihm den Dienst, er wollte sein Schwert ziehen, doch es war in der Scheide festgefroren.
Ein Röcheln, das wohl den Versuch eines Lachens darstellte, klang unter dem finsteren Helm seines Gegenüber hervor und Ferras erwartete den Tod.
Und der Tod kam, jedoch nicht zu ihm. Zwei Pfeile steckte urplötzlich im Kopf des Chaoskriegers und dunkles Blut sickerte aus den Löchern in seinem Helm. Dann schmetterte der Hammer eines Sigmarpriesters den Nordmann nieder.
Danach herrschte Stille. Ferras konnte nicht glauben was er sah, rieb sich die Augen, doch der Priester blieb, wo er war.
Eine kurze Verbeugung dann wandte dieser sich ab und lief ein Stück den Berg hinab zu dem dort wartenden Schlachtzug. Was Ferras dort erblickte, raubte ihm den Atem.
Ein gewaltiger Schlachtzug hatte sich formiert, angeführt von zwei Standartenträgern, darunter Menschen, Zwerge und Hochelfen. Und dann erkannte er die Zeichen auf ihren Bannern.
„Die Silberschwingen“, keuchte Ferras.
Angeführt von einem kleinen dickbäuchigen Zwerg in prachtvoller Rüstung, marschierten die „Schwingen“, wie man sie im Volksmund auch nannte, unbeirrt weiter.
Doch sie zogen nicht gegen Süden, von wo der Schlachtenlärm erklungen war, nein sie zogen nach Norden.
Ihre Strategie war aufgegangen. Ihr Scheinangriff im Süden hatte die Zerstörungsanhänger dazu veranlasst Verstärkung aus der Steinklauenfestung heranzuführen und ihre Linien dort auszudünnen. Sie würden nun diese Schwäche nutzen.
Die Offiziere befahlen den Angriff, Xeran schwang die Standarte und in diesem Moment eröffneten die schweren mitgebrachten Kanonen das Feuer.
Panik brach auf den Mauern der Chaosfestung aus, als harte Schrapnellgeschosse und explodierende zwergische Kanonenkugeln auf sie herabregneten.
Zwar hatte der Anführer der Chaostruppen die Falle bereits erkannt und führte seine Truppen zurück, doch sie waren vorbereitet.
Während dreiviertel der Truppen die Ramme an den Toren bedienten und mit Kanonen auf die Verteidiger feuerten blieb eine Kompanie zurück und bildete die Nachhut.
Die Elitetruppe aus Feuerzauberern, Hexenjägern und Sigmarpriestern hatten sich auf einer kleinen Anhöhe verschanzt und wartete nur auf das Eintreffen ihrer Feinde.
Und sie kamen schnell, angepeitscht von ihren unheiligen Göttern und der Angst geschlagen zu werden, versuchten sie den Angreifern in den Rücken zu fallen.
Keiner von ihnen erreichte je auch nur das Schlachtfeld vor der Festung. Das Gemetzel dauerte nur wenige Minuten, dann lagen alle Chaosanhänger tot oder sterbend im Dreck.
„Geht nur!“, schrie einer der Priester. „Ich bleibe und töte was noch atmet, erklimmt ihr die Mauern!“ Und so geschah es, binnen weniger Minuten war das erste Tor gefallen, die Verteidiger eliminiert und der Burgfried belagert.
Die Verbündeten Regimenter der Heere von „Galladoria“, „Potentia et Gloria“ und natürlich der „Silberschwingen“ brachen wie ein Sturm über ihre Feinde herein.
Im Burgfried selbst erstarb das Lachen des Generals der Zerstörung, als die Angriffsmacht der Ordnung, angeführt von den Silberschwingen, seine Gemächer betrat.
„Für die Schwingen!“ Der Schlachtruf hallte bis weit hinauf in die Bitterwälder, als der letzte Anhänger der dunklen Götter sein Leben aushauchte und das Banner der Ordnung über seiner einstigen Burg wehte...
Wenn alte Werte weichen,
wenn Glaube an der Hoffnung Stelle tritt,
ist jede Welt verloren.